Wanderung der Lachse
Unaufhörlich kämpften sie gegen die Strömung an, gegen Stromschnellen, gegen Fischer, die mit ausgeworfenen Angeln auf sie warteten, gegen Raubfische, gegen Unrat, gegen Rückstände und Öl, gegen Kraftwerke und Staumauern kämpften sie an, unaufhaltsam aufwärts getrieben, vom Duft ihres Geburtsortes angelockt, von einem Stoff, in einer derart verschwindenden Menge, dass sie ihn kaum im verseuchten Gewässer ausmachen konnten.
Eines Tages jedoch erhob sich ein Lachs aus der Menge der Sterbenden. Sein Leben war an ihm vorbeigeflossen, hatte ihn geärgert und verbittert gemacht. Er aber hintersann sich, liess die Geschehnisse seiner Tage an seinem inneren Auge vorbeiziehen, und erkannte seine Verfehlungen. Vieles würde er anders machen, überhaupt schon früh einen ganz anderen Weg einschlagen. Da blickte er auf zum Himmel, und flehte Gott an, ihm eine zweite Chance zu geben. Der Himmel verdunkelte sich, dicke Wolken stiegen auf, und mitten aus ihnen fuhr mit einem Zucken eine gelb leuchtende Hand hervor, packte den alten Salm, und schmiss ihn tausende Kilometer entfernt ins Meer.
Er war noch ganz benommen von der mächtigen Reise, als er die elektrisierende Wirkung seines jungen Lebens verspürte. Frisch, voller Tatendrang begann er umherzuschwimmen. Bald schon war alle Mühsal des vergangenen Daseins vergessen, doch den Grund seiner Wandlung hatte er nicht aus seinem Gedächtnis verloren. Endlich hatte er eine Chance, die kein Anderer vor ihm je hatte, mit den Kenntnissen eines ganzen Lebens ein Neues anzufangen. Wie sehr hatte er sich doch gewünscht, seine Erfahrungen, seine Weisheit an seine Kinder weitergeben zu können, sie vor all' den Fehlern zu bewahren, die er so kläglich begangen hatte, da er als Jüngling gedankenlos gute Ratschläge übergangen hatte. Jetzt aber würde er es zum ersten Male richtig anpacken, sein Leben erfüllt gestalten, voller Freude und Wissen um die Zusammenhänge.
So begann er seinen Werdegang zu planen. Als die Zeit gekommen war, dem Lockstoff seines Flusses zur Quelle zu folgen, um sich zu paaren und zu sterben, hielt er inne, und überlegte sich Alternativen.
"Mein Leben wird anders verlaufen. Diesmal mache ich alles anders. Ich werde mir einen anderen Fluss aussuchen, einem fremden Ruf folgen, den Fluss erkunden, den noch niemand vorher durchschwamm. Mein Leben wird anders."Wie er es sich vorgenommen hatte, setzte er seinen Plan in Taten um. Er suchte sich einen fremden Fluss aus, einen reinen, sauberen Fluss, fern aller Industrie und aller giftigen Abfälle, weit ab aller anderen Flüsse. Sein Wasser war so klar, dass er schon an der Mündung Mühe hatte, den scharfen Augen der Adler zu entkommen. Stromschnelle um Stromschnelle hüpfte er hoch, wobei ihm auffiel, wie ihn immer mehr Fische umgaben. Fremde Fische, denn sie sahen ganz anders aus als er. Mit Argwohn betrachteten sie seine eleganten Sprünge. Schliesslich kam er an der Spitze aller Fische im Oberlauf an. Mit Übermut stürzte er sich zwischen die Bären, die hungrig im seichten Wasser auf die Lachse warteten. Gekonnt umschwamm er ihre starken Pranken, trickste sie aus, und erreichte nach kurzer Reise die Quelle. Angestrengt drehte er seine Runden, und wartete geduldig auf eine Partnerin. Er nutzte die Zeit, um sein Leben, sein zweites Leben, an seinem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Er war zufrieden, denn er hatte viel erlebt, unzählige Abenteuer bestanden. Dieses Leben hatte ihm Spass gemacht.
Lange Zeit kam niemand. Erschöpft sank er auf den Grund, zuckte nur noch schwach mit seinen Flossen. Was hätte er drum gegeben, wenn er sein Leben mit einem Akt der Paarung hätte beenden können, doch er war zu gut gewesen, zu stark, zu schnell. Seine Flamme brannte aus und erlosch.
Sein Dasein war das eines Lachses. Seine Bestimmung war am Ende seines Lebens seinen Fluss zu suchen, und ihn bis zur Quelle zu durchschwimmen. Nie hatte er auch nur die Schnee bedeckten Berge gesehen, geschweige sich vorstellen können, wie sein Planet aus dem Weltraum aussieht. Er hatte nie die Zusammenhänge zwischen den Sternen und Galaxien begriffen, noch gewusst, dass es überhaupt etwas Solches zu begreifen gab. Trotz der Möglichkeit, die ihm durch ein zweites Leben geboten wurde, blieb er ein Fisch, gefangen in der Welt eines Fisches.
Die Moral von der Geschicht':
Dieses Leben möcht' ich nicht.