Was noch?
"Weisst du noch, wie es hier früher aussah?" fragte ich ihn wehmütig.
"Da stand die Fabrik noch nicht, da hat man noch die Berge gesehen." zeigte der kleine Junge mit der Hand in Richtung der qualmenden Fabrikhalle.
Irgendwie schien dichter, dunkler Rauch aus allen Öffnungen dieses monströsen Bauwerkes zu entweichen.
"Ja, und hier breitete sich eine grosse Wiese aus. Da wuchsen viele kleine, weisse Blumen drauf." fuhr er fort.
Sein Vater nahm ihn bei der Hand, sagte aber nichts.
"Und, dein Papi sagt nichts dazu?" sprach ich den kleinen Jungen an, forderte aber seinen Vater auf Stellung zu nehmen.
"Es ist schade, ja, aber was können wir tun?" antwortete er nach einer Bedenkzeit, die mir lang genug schien, um etwas Geistreicheres zu produzieren.
"Hmm, wieso kämpft ihr nicht dagegen?" fragte ich übertrieben zurückhaltend.
"Wie denn? Die sind doch viel mächtiger. Was kann da einer allein ausrichten?" wunderte sich der Mann.
"Allein? Schliess' dich doch einer Gruppe an, die dagegen kämpft ..." warf ich beinahe beiläufig ein.
"Nein. Ich kenne solche Gruppen. Die reden doch nur und tun nichts. Ausserdem, auch wenn wir viele wären, könnten wir doch nichts ausrichten, die haben doch das Gesetz auf ihrer Seite."
"So, ich dachte in diesem Land, werden die Gesetze vom Volk gemacht. Von Menschen, wie du und ich. Ich habe kein Gesetz zur Unterstützung von denen da verabschiedet, du etwa?" fragte ich provozierend.
"Ich auch nicht, nur in diesem Land werden die Gesetze von Politikern gemacht, und da haben wir doch wirklich keine Wahl, jeder von denen schaut doch zuerst auf seine eigene Tasche, da können wir doch wählen, wen wir wollen. Also haben wir schlussendlich keinen Einfluss auf Gesetze, die diese Leute schützen." lief er langsam warm.
"Einsichtig. Ketzerisch, aber einsichtig." murmelte ich vor mich hin, "Zurück zu unserem Thema. Warum unternimmst du dann nichts dagegen?"
"Was soll ich dagegen machen?" erwiderte er ungeduldig.
"Kämpfen. Nimm eine Bombe und spreng' das Ding." sagte ich lässig.
"Ha, ha." sprach er demonstrativ gelangweilt, "Etwas Besseres fällt dir nicht ein."
"Besser als reden und Nichts tun."
"Damit ist das Problem doch nicht gelöst."
"Ein Kleines schon. Und wenn du zielstrebig so weiter vorgehst, eines Tages werden sie alle verschwunden sein."
"Entschuldige, aber du spinnst." wandte er sich ab und schickte sich an, mit seinem Jungen an der Hand, zu gehen.
"Besser als reden und Nichts tun. Wie lange wollt ihr eigentlich noch danebenstehen und dem zusehen? Wie lange noch?" geriet ich in Wut.
Ich nahm die Bilder aus meiner Jackentasche, die ich immer bei mir trug, und warf sie ihm eines nach dem Anderen vor die Füsse.
"Wie lange noch? Was muss diesem Planeten noch angetan werden, bis Leute wie du endlich aufhören über Gesetze zu reden, die sie nicht gemacht haben, und zu Taten schreiten."
Auf den Photos waren Umweltkatastrophen abgebildet, Verwüstungen, massenhaft umgebrachte Tiere.
"Wie lange wollt ihr es zulassen, dass dieser Planet ausgeblutet wird? Wie lange wollt ihr noch zusehen, wie der Lebensraum eurer Kinder zerstört, verbrannt, verseucht wird? Was muss noch passieren auf dieser Welt, bis ihr NEIN sagt? Was noch?" schrie ich ihn beinahe an.
Unschlüssig blieb der Mann stehen. Sein Junge blickte verwirrt zu ihm hoch, was ihm noch zusätzlich Schwierigkeiten zu bereiten schien. Schliesslich wird er später seinem Sohn erklären müssen, was er in jenem Augenblick gedacht hatte.
"Was noch? Wieviel solcher Bilder muss ich dir noch hinwerfen? Du weisst, ich könnte dich damit zuschütten, so viele ..."
"Sei doch still!" rief er verzweifelt, "Ich habe eine Familie! ..."
"Gerade deswegen!" unterbrach ich ihn ebenfalls.
"Du verstehst das nicht. Ich kann uns doch nicht deswegen in den Untergrund oder gar ins Gefängnis treiben! Was nützt es, wenn wir diese Fabrik zerstören, sie werden doch nur die Versicherungsprämie kassieren, und davon sofort wieder eine neue Fabrik bauen, und wir sitzen dann im Gefängnis! Was hätte es dann gebracht?"
"Ich bin noch frei." sagte ich ruhig.
Verwundert drehte er sich jetzt endlich wieder um zu mir.
"Und damit sie keine neue Fabrik mehr bauen, vernichten wir die Verantwortlichen doch mit." fügte ich hinzu.
"Das kannst du nicht tun! Menschen töten? Nein, das geht zu weit." wehrte er sich.
"So, und wie weit dürfen die gehen? Wie weit dürfen die deine Luft verpesten, dich, deine Frau, deine Kinder damit vergiften, dich, die Natur, den Planeten, uns alle damit töten. Ganz langsam, aber sie tun es doch. Und nur weil irgend ein Gesetz das so und nicht anders regelt, findest du meinen Vorschlag 'zu weit' gehend? Mann, wo lebst du?" erhob sich meine Stimme, "Was ist denn daran falsch, wenn wir für die Natur kämpfen, auch wenn es heisst, sich gegen einige Menschen zu entscheiden? Ich begreife euch sogenannte Normalbürger nicht. Ihr seid so völlig Obrigkeitsgläubig, dass ihr weder wisst, was Richtig und was falsch ist, noch merkt ihr, dass es so sowieso keine Rolle spielt. Ganz ehrlich, ich will von dir wissen, was auf dieser Welt noch geschehen muss an Zerstörung, bis es dir aushängt. Ich will das von dir wissen. Beantworte mir bitte diese Frage. Was noch?" flüsterte ich, und hörte für einen Augenblick auf meine Bilder vom Boden aufzusammeln.